Stifterverband-webTV:
Ökonomie neu denken – Jenseits der Finanzkrise (II)

HORIZONTE – Expertengespräche des Stifterverbandes:

Interview mit Armin Falk,

Direktor und Professor am Center for Economics and Neuroscience, Bonn

und Direktor der Abteilung für Experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Bonn


Ein Gespräch über rationales Herdenverhalten, Bauchentscheidungen, Fairness und Effizienz sowie die wirtschaftswissenschaftliche Politikberatung.

Interview: Corina Niebuhr


Armin Falk über Ökonomie, Rationalität, Fairness und Politik ...

  • Wir glauben, dass der Kopf entscheidet, aber häufig ist es doch der Bauch. Ich bin als Wissenschaftler aber nicht ein Anhänger der These, dass wir noch mehr Bauch brauchen. Wir brauchen noch sehr viel mehr Verstand. In der Wirtschaftspolitik sollten wir uns vom Kopf leiten lassen. Aber wir müssen verstehen, wie Menschen sich von ihrem Bauch leiten lassen, um darauf gute Antworten zu finden.
  • Die Ökonomen haben traditionell gesagt: Das eigentliche Problem ist die Allokation, also die Effizienz einer Anordnung, und über die Verteilung kann man sich dann nachher Gedanken machen. Und das ist eben ganz falsch. Die Verteilungsfragen haben unmittelbar eine Konsequenz auf die Effizienz einer Gesellschaft.
  • Das Dogma, dass ungleichere Gesellschaften besser funktionieren, weil sie stärkere Anreize zum Aufstieg generieren, ist einfach nicht mehr haltbar.
  • In der Regel machen Menschen Fehler. Das hat damit zu tun, dass es in schwierigen Entscheidungssituationen einfach unmöglich wäre, alle Entscheidungsprozesse auf rationale Weise zu lösen. Stattdessen bedienen wir uns Heuristiken oder Daumenregeln. Wir müssen schnelle und einigermaßen richtige Entscheidungen treffen. Das hat auch die Evolution von uns gefordert, und darin sind wir auch sehr, sehr gut.
  • Ich wünsche mir, dass die Politik den Mut, die Gelassenheit und auch die Verantwortung hätte, sich auf einen Dialog einzulassen mit Wissenschaftlern, denen es um die Sache geht und nicht darum, irgendwelche Interessen zu vertreten und durchzusetzen.
  • In Deutschland wird die wirtschaftspolitische Diskussion nicht von den Leuten dominiert, die in der Forschung sind. Gleichzeitig haben wir aber den Fall, dass die Handvoll von deutschen Ökonomen, die international mitspielen und auch sichtbar sind, sich in der wirtschaftspolitischen Diskussion relativ weit zurückhalten. Und das kann man beklagen.

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Dr. Andreas Zeuch schrieb am 2012-01-30 15:46:02

Herr Prof. Dr. Falk spricht viele Dinge an, die zur Zeit in unserem Wirtschaftsverständnis im Argen sind. Dafür bin ich dankbar. In einem Punkt widerspreche ich: Ja, wir sind nicht (nur) rational in unseren wirtschaftlichen Entscheidungen. Es werden viele Bauchentscheidungen des (Top-)Managements als rational verkauft, was ein Fehler ist. Indessen wissen wir heute, dass wir gar nicht ausschließlich rational sein können. Mehr noch, dass unsere Rationalität sogar von unseren Intuition und Emotionen abhängig ist. Diesen Sachverhalt konnte schon vor mehreren Jahren der Neurologe Antonio Damasio anhand klinischer Fälle zeigen, deren Ergebnis er dann in einer kontrollierten Studie mit einem eigens dafür entwickelten Versuch, dem "Iowa Gambling Task", reproduzierte. Zweitens wissen wir aus der Expertiseforschung, dass Experten in ihrem Fach schneller und oft ohne Nachdenken zu besseren Ergebnissen kommen, als Laien oder Anfänger, die lange über die Aufgabenstellung nachdenken. Intuition führt als Mustervergleich zu äußerst effizienten Entscheidungen. Drittens wissen wir, ebenfalls gründlich durch empirische Forschung belegt, dass auch Anfänger zu erfolgreichen intuitiven Entscheidungen gelangen können, da Menschen wesentlich mehr Daten unbewusst wahrnehmen und verarbeiten, als bewusst. Das ist das Forschungsparadigma der unbewussten Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Prototypisch wurde dies schon in den 1970ern durch Experimente mit sogenannten künstlichen Grammatiken herausgearbeitet. Last not least: In einer globalen, zunehmend komplexer und dynamischer werdenden Welt, stoßen wir immer öfter an die Grenzen der Rationalität. Das hat einen einfachen Grund: Paradoxerweise wissen wir zunehmend öfter nicht mehr genug, um rational entscheiden zu können. Es herrscht Datenmangel oder -überschuss, Daten sind widersprüchlich, unverständlich oder nicht vertrauenswürdig. All das habe ich in meinem Buch "Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen" dargelegt.