Holger Hettwer:
Woran hapert es in der Wissenschaftsberichterstattung?
Anmerkungen zur Medienkrise: Der Wissenschaftsjournalismus,
seine Qualität und seine Bedrohung von innen.
Auszug eines Interviews für das Stifterverband-Magazin
"Wirtschaft & Wissenschaft" 1/2010
Wenn Wissenschaftsjournalismus vorrangig darin besteht zu spiegeln, was in
der Wissenschaft passiert, steht die Berichterstattung gar nicht so schlecht da.
Wenn man aber einen anderen Anspruch anlegt – Kommunikation auch über
Wissenschaft, ihre Rolle, ihre Reichweite und Grenzen, ihre Risiken und Neben-
wirkungen; Kontextualisierung von Wissenschaft nicht nur anhand wissen-
schaftsimmanenter Aspekte, sondern Einordnung in wirtschaftliche und poli-
tische Kontexte; Wahrnehmung einer Kritik- und Kontroll-Funktion (Prüfen von
Positionen, Hinterfragen von Experten) etc. – dann zeigen sich doch Defizite.
Je höher der Anspruch, desto deutlicher stößt der Wissenschaftsjournalismus
an Grenzen, die in der Medienkrise begründet liegen, zum Beispiel die Res-
sourcenknappheit. Das Problem dabei ist, dass die Wahrnehmung der Medien-
krise als ökonomische Krise die eigentliche Kernfrage überlagert: Es geht
nicht nur um neue Erlösmodelle für die Finanzierung von Qualitätsjournalis-
mus – es geht vielmehr um die Frage, was Journalismus in Zukunft leisten
soll und worin seine spezifische Qualität liegt. Insofern verweist die ökono-
mische Frage eigentlich auf die Qualität des Journalismus selbst. Der Jour-
nalismus – auch der Wissenschaftsjournalismus, dessen Selbstverständnis
nach wie vor nicht sonderlich stark ausgeprägt ist – täte gut daran, sich
auf diese Kernfrage einzulassen und neue Antworten zu wagen.
Der Zeit- und Geldmangel und die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen
werden oft und zu Recht beklagt. Die Bedrohung von innen wird jedoch selten
thematisiert. Ein Wissenschaftsjournalist ohne klares Rollenbild, ohne Qualitäts-
anspruch und ohne Haltung muss sich um schlechte Strukturen keine Sorgen
mehr machen. Journalismus ist eben nicht nur, was systemische Zwänge und
sonstige strukturelle Faktoren noch übrig lassen. Journalismus ist vielmehr das,
was Journalisten aus systemischen Zwängen machen.
Der Gastautor
Holger Hettwerist Projektleiter
der Initiative Wis-
senschaftsjournalis-
mus an der TU
Dortmund.