Wolfgang Fach:
Ritter und Reform
Don Quichotte bietet ein literarisches Vorbild für den Streit zwischen
Gegnern und Befürwortern der Bologna-Reform.
Gastbeitrag für "Meinung & Debatte"
Wer das Gezänk um "Bologna" verfolgt, den beschleicht Mal für Mal der
Gedanke, die Streithähne lebten in unterschiedlichen Welten. Für Verwerfun-
gen dieser Art gibt es ein literarisches Vorbild: Don Quichotte. Auf welcher
Seite er heute zu finden wäre, bei den Oppositionellen oder Optimierenen,
sei dahingestellt; davon hängt nichts ab.
Zwei Episoden aus dem Leben des traurigen Ritters sind besonders aufschluss-
reich. Die erste: Don Quichotte steigt in einer Schenke ab und stößt dort auf ein
paar "liederliche Dirnen", die sein verwirrter Geist schnurstracks als "anmutsvolle
Fräulein" identifiziert und umstandslos jenen Schönen des Landes zurechnet,
deren edle Abkunft seiner Absicht entgegen kommt, sich standesgemäß zu
verehelichen. Sie verspotten ihn, er ist darüber ernsthaft erbost, gleichwohl
kommt man miteinander aus. Am Ende steht, immerhin, ein Heiratsantrag.
Alle Seiten sind hier zunächst irritiert, und keine kann nachweisen, dass es
um das nicht geht, was die andere daraus macht. Prostituierte sind Prinzes-
sinnen für ihn, seine Prinzessinnen sind Prostituierte für sich. Dennoch kommt
es zu keinem Kommunikationsabbruch. Warum? Was immer diese Frauen
"sind" – Frauen sind sie auf jeden Fall. Läge hinter der Differenz im Schein
nicht die Einheit des Geschlechts, wäre das Ganze eine hoffnungs- und
bodenlose Geschichte.
Übertragen auf "Bologna": Fände der Streit zwischen den Kontrahenten auf un-
strittigem Terrain statt, wäre er soweit domestiziert, dass die verbleibenden
Streitpunkte ihre Sprengkraft verlieren würden. Ob unsere Universitäten noch
als Damen durchgehen oder schon wie Dirnen wirken – diese Frage lässt
vergleichsweise kalt, sobald man sich darüber verständigt hat, dass sie in
jedem Falle Universitäten sind (und was das heißt). Doch genau darüber
gehen die Meinungen hoffnungslos weit auseinander.
Das zweite (sprichwörtlich gewordene) Missverständnis des Sturkopfs:
Er entdeckt auf freiem Feld etliche Windmühlen und glaubt felsenfest,
waffenstarrende Riesen vor sich zu haben, die ihn zum Kampf heraus-
fordern – den anzunehmen im, dem Ritter, eine Ehrensache sein müsse.
Des Dieners besorgte Warnungen missachtend stürzt er auf den erstbesten
Giganten los und erlebt sein blaues Wunder. Was indes keineswegs aus-
reicht, um ihn zu kurieren, bleibt doch die Hoffnung auf spätere Rache.
"Gott füge das so, er vermag's", kommentiert resigniert Sancho Pansa.
Diese Geschichte setzt einen neuen Akzent: Tertium non datur, es gibt
nichts dazwischen, was verbindet. Mühlen haben mit Riesen keine Ge-
meinsamkeiten gemeinsam, das Terrain für sozialverträgliche Differenzen
ist weggefallen. Den Platz der entspannten Konzilianz ("Mitspielen") besetzt
jetzt die bodenlose Irritation – niemand versteht, was im anderen vorgeht.
Der Knoten löst sich alleine deswegen auf, weil einer von beiden, ohne
überzeugen zu müssen, das Sagen hat. Dem "Knecht" bleibt nichts
anderes übrig, als (mit-)leidend zu gehorchen.
"Bologna" gleicht dieser Situation aufs Haar. Auch hier herrscht unheilbares
Unverständnis – die Kontrahenten leben in unverbundenen Welten, getrennt
durch unvereinbare Standpunkte. Oppositionelle beschwören unverdrossen
Schreckgespenster, während Optimierer hartnäckig an Luftschlössern bauen,
jene beklagen eine Krankheit zum Tode, diese konzedieren (inzwischen)
"handwerkliche Fehler". Eben: Bodenloses Gezänk – dadurch erleichtert,
dass kein hierarchisches Gefälle für einseitige Ruhe sorgt. Niemand muss
sich "knechten" lassen, alle dürfen drauf los reden, Fachschafts- nicht
weniger als Regierungsräte.
Kurzum: "Bologna" braucht einen festen Boden unter sich. Ihn findet man dort,
wo das Gezeter bisher nicht hingekommen ist. Unter den Wirtshäusern und
Windmühlen der Hochschullandschaft begraben ruht, fast ganz vergessen,
die rettende Idee: employability. Sie wartet darauf entdeckt zu werden.
Der Gastautor
Wolfgang Fachist Professor für
Politikwissen-
schaft an der
Universität
Leipzig.