Frank Stäudner:
Gute Verschulung
Universitäten und Schulen müssen sich ähnlicher werden.
Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2. September 2009
Die Universitäten seien zu Schulen verkommen. Das sagen die Kritiker der Umbaumaßnahmen an den Hochschulen in den letzten Jahren. Der aktuelle Exzellenzwettbewerb für die Lehre von Stifterverband und Kultusministerkonferenz liefert nun tatsächlich interessante Belege dafür, dass sich Hochschulen und Schulen in manchen Dingen ähnlicher werden. Dieses Mal allerdings ist es eindeutig eine gute Nachricht.
Die Hochschulen holen, so hat es den Anschein, eine Entwicklung nach, die Anfang des Jahrzehnts der PISA-Schock in den Schulen ausgelöst hatte. Mehrere Studien hatten die mittelmäßigen Leistungen deutscher Schüler im internationalen Vergleich gezeigt. Die Wurzel des Übels wurde schnell klar. Die Ausbildung der Lehrer mit ihrer starken Orientierung auf das jeweilige Fach und dem geringen Gewicht der Didaktik ging an den Anforderungen des Berufs vorbei. Waren die Lehrer erst einmal im Klassenzimmer angekommen, gab es bis zur Pensionierung kaum Anreize oder Gelegenheit, sich fachlich weiterzuentwickeln. Den Klassenraum eines Kollegen zu betreten oder gar Ratschläge für den Unterricht zu geben, wäre jedem Lehrer als Affront ausgelegt worden. Der verbreitete Frontalunterrricht gab der Klasse ein bestimmtes Lerntempo vor, das die begabten Schüler langweilte und die schwachen Schüler überforderte. Unterrichtsformen, in denen die Schüler voneinander hätten lernen können, waren selten. Das alles hat sich zu verändern begonnen. Die Schulen sind in Bewegung gekommen.
Nun sind die Hochschulen an der Reihe. Stifterverband und Kultusministerkonferenz haben zehn Millionen Euro bereitgestellt. Der gemeinsame Wettbewerb zeichnet Universitäten und Fachhochschulen mit neuen Ideen für eine systematische Stärkung und Verbesserung der Lehre aus. Im Oktober kürt eine Jury die Sieger. Doch schon jetzt ist klar: Einige Reformideen ähneln verblüffend dem, was die Schulen seit einigen Jahren vormachen.
Durch die Anträge der Universitäten und Fachhochschulen zieht sich wie ein roter Faden die Idee, dem wissenschaftlichen Personal Freiräume zu schaffen, um “Zukunftsszenarien des Lehrens und Lernens“ zu entwerfen und Studiengänge und Lehrformen konkret weiterzuentwickeln, wie es in einem Wettbewerbsbeitrag heißt.
Die konkreten Maßnahmen setzen auf Wettbewerb, Belohnungen und das Lernen voneinander. Die eine Hälfte der Ideen zielt auf die Dozenten. So will eine Universität eine Art von didaktischen Freisemestern für vorbildliche und anerkannte Lehrende ausloben, die im universitätsinternen Wettbewerb vergeben werden. Die so ausgewählten Superprofs sollen Praxisberatung für Fachkollegen anbieten und dafür weniger lehren und verwalten müssen. Auch andere Universitäten wollen ihre besten Hochschullehrer für die Weitergabe der Expertise dadurch motivieren, dass sie deren Lehrdeputat reduziert. Die Idee, dass "besser lehrt, wer weniger lehrt", hat auch an den Fachhochschulen viele Anhänger.
Eine weitere Idee sind Hospitationen bei Neuberufungen. Die Professoren sollen sich gegenseitig in den Lehrveranstaltungen besuchen. Etliche Universitäten wollen zudem Lehrleistungen im Berufungsverfahren künftig besser berücksichtigen. Eine Hochschule ist besonders streng: Das positives Votum des Studiendekans soll Voraussetzung zur Aufnahme eines Kandidaten in die Berufungsliste werden.
Hochschuleigene Lehrpreise werden mehrfach vorgeschlagen. Viele Hochschulen setzen auch auf elektronische Services: E-Learning, Online-Gruppenarbeit und virtuelle Lernräume im Internet sollen das Studium erleichtern.
Die andere Hälfte der Wettbewerbsideen zielt darauf, das Fach für die Studenten studierbarer und interessanter zu machen. So soll an mehreren Universitäten eine Sommeruniversität vor Studienbeginn auf das Leben an der Uni vorbereiten und den Studenten die ersten fachlichen Kniffe beibiegen. Ein paar Semester später könnten Fellowships jene Studenten beflügeln, die sich Studieninhalte selbstständig zusammenstellen wollen. Eine Hochschule will im Wettbewerb Geld unter studentischen Teams für eigene Forschungsprojekte verteilen, eine zweite will Ressourcen für eigenständige Lehr-Lernprojekte von Studenten bereitstellen, die von Nachwuchswissenschaftlern begleitet werden, eine dritte Hochschule schließlich will Lehrstipendien vergeben und dazu Teams aus je zwei Absolventen und Professoren zusammenspannen.
Aus den Wettbewerbsbeiträgen der Universitäten spricht das deutliche Bemühen, bestimmte Auswüchse des Bologna-Prozesses zu korrigieren. Die Einführung der neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master hat sich an den deutschen Massenhochschulen insgesamt als Segen erwiesen und für mehr Struktur, Führung und Orientierung im Studium gesorgt. Sinkende Studienabbrecherquoten bewiesen den Erfolg. Mancherorts allerdings entartete die Bologna-Reform zu Überregulierung, Gängelung und Überfrachtung des Studiums. Das ist die schlechte Verschulung, die der Bologna-Kritiker.
Die gute Verschulung ist bei den Finalisten des Exzellenzwettbewerbs für die Lehre zu besichtigen. Sie bedeutet, die Hochschulen nach den Bedürfnissen der Studierenden auszurichten und den Erfolg des Lehrbetriebs an der Zahl der erfolgreichen Absolventen zu messen. Auf diesen Weg, sich am Lernerfolg ihrer Schüler messen zu lassen, haben sich die Schulen begeben. Die Hochschulen sind gut beraten, ihnen zu folgen und in eben diesem Sinne - und auch nur in diesem - sogar noch viel weiter zu verschulen. Dass viele von ihnen dazu bereit sind, ist eine der besten Nachrichten des Exzellenzwettbewerbs für die Lehre.
Der Autor
Dr. FrankStäudner
ist der Kommuni-
kationschef des
Stifterverbandes.